Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Leseprobe

… Seine Mutter Sara hatte natürlich längst den Sprengsatz in dieser Betrügerei erkannt. Es war klar, dass Esau sehr schnell kapieren würde, dass er von Jakob erneut hereingelegt wurde, dieses Mal aber ohne rechtlich haltbare Vereinbarung mit ihm, sondern durch heimtückischen Betrug. Das war zu viel. Eindringlich riet sie Jakob sofort zu flüchten, sie wollte ihren Liebling nicht verlieren. Sie rechnete fest damit, dass Esau Jakob umbringen würde. Er sollte zu ihrer Verwandtschaft, zu ihrem Bruder Laban nach Haran entfliehen (Haran liegt nördlich von Damaskus).
Jakob sah die Sache ebenfalls brenzlig werden und entschloss sich zur sofortigen Flucht. Noch in der gleichen Stunde flüchtete er aus seinem Elternhaus und setzte sich Richtung Norden zu seinem Onkel ab.
Kurz darauf kam Esau vom Jagen zurück und trug ein vorzügliches Wildbrett auf seinem Rücken, ein junges Tier, das er besonders ausgesucht hatte. Er wollte zu seiner Segnung dem Vater etwas Besonderes zubereiten.
Gut aufgelegt, in froher Erwartung und großer innerer Freude, bereitete er das Lieblingsmahl seines Vaters zu. Auch zog er für diesen feierlichen Augenblick neue Kleider an. Was war er jetzt bewegt. Sein Herz klopfte wie in seiner Kinderzeit, als ihn der Vater zum Jagen mitgenommen hatte und er zum ersten Mal ein Wildbrett erlegen durfte. Diesen Augenblick konnte er nie mehr vergessen. Jetzt, in diesem Moment, als er über die Schwelle des Zimmers seines Vaters trat, überkam ihn wieder dieses Gefühl, hatte er wieder dieses Herzpochen. Was für ein Augenblick!
Sein Vater war nicht schlecht überrascht, dass Esau erneut kam und ein Essen für ihn bereitet hatte. „Mein Sohn, du kommst erneut mit einem Wildbrett?“ Jetzt war es Esau, der sich wunderte. Hatte sein Vater neben seiner Sehkraft auch sein Gedächtnis verloren?
„Du wolltest mich doch segnen und ich sollte dir dazu dein Lieblingsgericht bereiten!“
„Meinen Segen hast du doch schon bekommen!“
War sein Vater jetzt nicht nur alt und blind sondern auch geistig verwirrt?
„Wieso soll ich schon mal hier gewesen sein?“
Nein, sein Vater war klar im Kopf. Er erkannte als Erstes, was geschehen war. Der ganze Betrug flog jetzt auf.
Esau musste bitter realisieren, dass sein Bruder ihn auf das Schlimmste hintergangen hatte. Warum nur? Enttäuschung, Bitterkeit durchzogen jetzt sein Herz. Zusammen waren sie, er und sein Bruder Jakob, aufgewachsen, wie oft hatten Sie früher gemeinsam miteinander gespielt, hatten sich gegenseitig geholfen und beschützt, Mutter und Vater waren ihre gemeinsamen Eltern. Wieso benahm sich Jakob wie ein Feind? Wie konnte er nur so was Niederträchtiges ausführen!
Esau fing an zu weinen. Er, ein gestandener, verheirateter Mann, weinte wie ein Kind. Niemand konnte ihn trösten. Es gab keinen Trost in diesem Augenblick. Der Erstgeburtssegen hatte ihm einiges bedeutet, der war ihm wichtig. Wie hatte er sich auf diesen Augenblick gefreut. Seine beiden Frauen wussten, dass er seit Tagen von nichts anderem mehr sprach. Er wollte den Segen seines Vaters. Tief verletzt hatte ihn der Betrug seines Bruders. Unvorstellbar, erneut war er von seinem Bruder hereingelegt worden. Sein Herz war untröstlich. Er empfand nur noch Leid, Leere, Trauer.

Plötzlich blitzte ein Hoffnungsfunke in ihm auf: Wieso konnte sein Vater ihn nicht auch segnen, ihn, den Erstgeborenen, dem der Segen zustand, dem er versprochen war?
Ein neues Licht der Hoffnung brachten seine Tränen zum Versiegen. Das müsste doch möglich sein. Er konnte es kaum aussprechen, so bewegt war sein Inneres. Sein Ansinnen wurde vom Vater jedoch gleich negativ beschieden. Er bedeutete ihm, dass er nur einenErstgeburtssegen vergeben könne, einen zweiten Segen gab es nicht. Der Erstgeburtssegen konnte nur einmal gegeben werden. Erneut ein Schlag in Esaus Magen. Die aufkommende Hoffnung platzte wie ein mit jungem Wein gefüllter alter Weinschlauch. Seine Trauer verwandelte sich nun in blanken Hass. Er platzte schier. Er fing an zu schreien und zu toben. Nur noch Zorn und Wut waren seine Gefühle und machten ihn unberechenbar. Wäre Jakob hier gewesen, er hätte ihn getötet, auf der Stelle. Seine Mutter vermutete richtig, vor allem als sie seine Drohung hörte, erhielt sie dafür die schreckliche Bestätigung: „Da sprach er: Er heißt mit Recht Jakob, denn er hat mich nun zweimal überlistet. Meine Erstgeburt hat er genommen und siehe, nun nimmt er auch meinen Segen … Es wird die Zeit bald kommen, dass man um meinen Vater Leid tragen muss; dann will ich meinen Bruder Jakob umbringen.“ (1. Mose27,36+41)

Die Zeit verging, Jakob war über fünfzehn Jahre von zu Hause weg gewesen. Er hatte mittlerweile eine stattliche Familie, zwei Frauen, zwölf Söhne plus Töchter, Knechte und Mägde sowie beträchtliche Viehherden. Ein reicher Mann, eine stattliche Sippe. Aber es reichte ihm schon lange, bei seinem Schwiegervater leben zu müssen, in jeder Beziehung. Sein Schwiegervater hatte nämlich ebenfalls wie Jakob, in bestimmten Dingen eine ganz eigene Sicht, was Recht und Unrecht ist, immer zum Nachteil Jakobs. Er war nicht immer fair und aufrichtig zu ihm. Jakob hatte in diesen fünfzehn Jahren selbst erleben müssen, wie es ist, wenn man hereingelegt wird, wenn andere Dinge tun, die einem schaden können. Diese Zeit wirkte wie ein Spiegel für sein eigenes betrügerisches Verhalten. Bestimmt hatte ihn diese Phase des Lebens vor allem eins gelehrt: Wie es ist, wenn man durch List anderer zu Schaden kommen kann. Zum Glück stand Gott trotz allem an seiner Seite, so dass er trotz des negativen Verhaltens seines Schwiegervaters, einen materiellen Segen erleben konnte.

Gott befiehlt Jakob schließlich nach Hause zu gehen. In damaliger Zeit eine Herausforderung und kein leichtes Unterfangen für eine Großfamilie. Aber er konnte auch nicht länger mit seinem Schwiegervater zusammen sein. Die Konflikte würden zum Ausbruch kommen. Er musste den Einflussbereich von Laban, von seinem Schwiegervater, endgültig verlassen. Diese Option hatte aber auch ihre Probleme. Zu Hause wartete sein Bruder Esau auf ihn, der ihn bekanntlich ja töten wollte. Die Begegnung mit ihm konnte lebensbedrohlich sein. Er hatte zu wählen zwischen „Pest“ oder „Cholera“. Er befand sich in einer schlimmen Lage. Egal wie er sich entscheiden würde, beide Optionen verhießen enorme Konflikte für ihn und seine Familie. Welch ein immenser Druck lastete nun auf ihm.

Was wohl Esau machte? Wie es ihm und seiner Familie in diesen fünfzehn Jahren ergangen ist? Hatte er Kinder, wie groß war seine Familie geworden? Verlangte er Vergeltung dafür, für das was er ihm angetan hatte? Würde es zu einer Begegnung mit ihm kommen? Würde es Krieg geben, Tote bei Jakobs Knechten oder gar bei seinen Frauen und Kindern? Dunkle Wolken erfassten sein Herz. Kein leichter Weg, dieser Heimweg. Aber bei seinem Schwiegervater konnte er keinesfalls länger bleiben, das war keine Option. Es gab nur die eine: sich mit dem zu treffen, der ihm vermutlich nach dem Leben trachtete!
Diese Entscheidung sagt eigentlich alles darüber aus, was für ein Leben er bei seinem Schwiegervater hatte führen müssen!
Er war unterwegs in eine neue und ungewisse Zukunft. Keine Ahnung ob diese überhaupt noch lange sein würde. Mit schwerstem Herzen und immer wieder aufflackernder Angst um das Leben seiner Familie reiste er in die Heimat.
Esau, der von der Heimreise seines Bruders Wind bekam, mobilisierte eine ansehnliche „Streitmacht“ und bereitete seinem Bruderherz einen Empfang vor. Jakob erhielt darüber Bericht. Nun war für ihn klar, dass Esau nichts vergessen hatte. Die kleine Hoffnung auf eine friedliche Versöhnung starb vollends. Was sollte er tun? Seine Furcht konnte er nicht mehr verbergen, er musste mit allem rechnen, selbst um das Leben seiner Frauen und Kinder. Esau war zu einem Familienclan in streitbarer Größe gewachsen und war ernst zu nehmen.
Jakob mit seiner Karawane war mittlerweile hier an dieser Stelle, an der Furt des Flusses Jabbok in den Jordan, wo wir gerade parken, angekommen.