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Leseprobe

Die vierhundertfünfzig Priester tanzten seit Stunden um den auf Feuerholz liegenden, zerteilten Jungstier und riefen ihren Gott an. Aber es tat sich nichts. Wieder und wieder kamen sie in Ekstase und schrien, als ginge es um ihr Leben. Als Ihre Kräfte nachließen, hoben sie zu einem Gesang an. Einstimmig intonierten sie ein Loblied auf Baal, eine Hymne aus ihrer Heimat Sidon. Aber ihr Gott gab kein Zeichen, geschweige denn eine Demonstration seiner Macht. Sie fassten sich an den Händen und krümmten dabei ekstatisch ihre Rücken, bis sie fast mit dem Kopf ihre Knie berührten. Scharfe Messer machten die Runde. Sie ritzten sich an den Unterarmen. Das Blut floss über ihre Hände, rann weiter, tropfte auf den staubigen Boden.
Immer mehr Ausfälle gab es unter ihnen. Das Ritual kostete enorm viel Kraft. Es zeichnete sich ab, dass das nicht mehr lange durchzuhalten sein würde. Seit Stunden schon riefen sie Baal an.

Das hatte es noch nie in der Geschichte der Menschheit gegeben, dass Priester einen „Showdown“ unter Gottheiten herbeiführten. Nur Priester, denen es um die Existenz ging, konnten auf so eine Idee kommen.

Durch die Verheiratung des nord-israelitischen Königs Ahab mit Isebel, der Tochter des Königs Etbaal von Sidon (heute Libanon), kam es zu starkem Einfluss fremder Religionen in Israel. Konkret, der Glaube an Baal, den Fruchtbarkeitsgott der Sidonier.

Normalerweise sollten die Könige der Israeliten ihrem Volk auch religiöse Orientierung bieten. Oft wurden sie sogar als Hirten bezeichnet, die für ihr Volk auch geistig zu sorgen hatten. Das war die Erwartungshaltung der Priesterschaft an den jeweiligen König. Er sollte die Gebote und Gesetze Gottes erstens achten und zweitens durch sein Vorbild dafür sorgen, dass ihm die Untertanen darin folgen.  Das gemeine Volk achtete auf den religiösen Kult ihrer Könige.
Christen kennen so ein Schema aus der frühen Missionierung. Den Glauben, den der Fürst oder der König annahm, den mussten auch die Untertanen annehmen. Er war praktisch auch geistliches Vorbild und Richtungsgeber.

Zurück zu Ahab und Isebel. Das erste Gebot, welches Gott seinem Volk gab, lautet verkürzt: »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben«. Es bedeutete für einen Israeliten, keinen anderen Gott anzubeten, als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Dieses Gebot steht an erster Stelle aller zehn Gebote und zeigt damit auch an, wie wichtig es ist. Götzenkult stellte demnach ein grober Verstoß gegen dieses Gesetz dar, nach meiner Auffassung ist es sogar die schlimmste Verfehlung, die ein Mensch begehen kann.
Der Glaube an Baal, den Gott der Fruchtbarkeit, oder konkret der Baals-Kult wurde durch Königin Isebel in Israel eingeführt und gefördert. Als Sidonierin war das ihr Haus-Gott, sie kannte es nicht anders. Aber ihr Mann, Ahab, der König von Israel, wusste es besser. Er hätte einschreiten müssen, aber er ließ sie gewähren.

Tja, die Liebe ... –

Aber nicht nur Isebel und die Baalspriester beteten diesen fremden Götzen an, nein, fast alle Israeliten wendeten sich mit der Zeit diesem Fruchtbarkeitsgott zu. Klar, er war ein moderner, sehr zeitgemäßer Gott. Nicht erst in unserer Zeit wollen die Menschen reich werden, einen gehobenen Lebensstandard führen, wirtschaftlich unabhängig sein. Baal war quasi der zuständige Gott dafür. In der Annahme, materielle Vorteile zu erhalten, wechselten schon viele ihren Glauben. Daher diese Popularität und Attraktivität bereits auch schon in antiker Zeit.
Ein Thema, so alt wie die Menschheit. Nicht jedoch für Elia, Priester des Gottes Israels. Er blieb unbestechlich bei seiner Linie, auch wenn er dadurch in Lebensgefahr geriet. Im Gegenteil, er stemmte sich aktiv gegen den Baalskult, er bekämpfte ihn. Er setzte sogar sein Leben dafür ein.

Wie konnte sein König es zulassen, dass seine Gattin diesen fremden Götzenkult so populär machte? Wie konnte er so offen den Gott Israels verleugnen? Wie konnte er es erlauben, dass man die einheimischen Priester verfolgte und umgebrachte? Oder war es vom König gewollt, dass sein Volk von ihrem Gott abfiel und sich Baal zuwendeten? Stand dahinter eine bestimmte Strategie?

Elia konnte sich keinen Reim darauf machen, was sein König mit seinem Verhalten bezweckte.

Jedenfalls schrie das geradezu nach seiner Reaktion.

Elia nahm all seinen Mut zusammen, ging zu Ahab und prophezeite ihm mit seiner ganzen Autorität als Priester des Gottes von Israel, des Allmächtigen, dass der regenspendende Himmel ab sofort keinen Regen mehr geben würde! Basta!
Das war jetzt mal eine Ansage! Der hatte Mut. Der war von seiner Sendung überzeugt!

Ahab verstand diese Drohung sofort: Falls Elia dazu wirklich die Macht hatte, würde es nicht mehr regnen. Keine Fruchtbarkeit, keine Ernte. Hungersnöte und Armut wären die Folge.

Das war gewaltig.