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Leseprobe

Da Gott nur mit Moses redete und ansonsten für andere unsichtbar war, besaß Moses keine göttliche Legitimation, weder bei seinem Volk noch bei den Ägyptern.

Man muss sich Moses‘ Situation einmal vergegenwärtigen: Er sollte ein ganzes Volk, die Juden waren zahlreicher als die Ägypter, man spricht von mindestens über sechshunderttausend Männern plus Frauen, plus Kindern, in ein unbekanntes Land führen. Laut biblischem Bericht schlossen sich sogar auch noch andere Volksgruppen an.

Was für eine logistische Herausforderung, unvorstellbar! Vierzig Jahre lang unterwegs mit über einer Million Menschen. Selbst in unserer heutigen Zeit wäre das nicht zu schaffen. Wie anfällig und verletzbar war diese unübersichtliche Karawane doch. Wie schwierig sich die Kommunikation gestaltete, gab es doch keine Funkgeräte, Feldtelefone oder Handys. Wie sollte Moses die Verpflegungsfrage lösen? Sie hatten doch nur ihren Anfangsproviant mit dabei. Wo soll man unterwegs für die vielen hunderttausenden von Menschen Wasser und Nahrung aufnehmen können. Was ist mit den Kranken, den Schwangeren, den Sterbenden. Auf sie musste Rücksicht genommen werden. Sie würden Teil Ihrer Karawane sein. Das Tempo, was diese verkraften konnten, war das Tempo der ganzen Karawane. Gab es unterwegs Feindkontakte, gar Krieg? Wie sollte man sich verteidigen? Keiner aus dem Volk hatte in diesem Fach je eine Ausbildung erhalten! Brauchte man Waffen? Wo sollte man die unterwegs herbekommen? Was für eine sonstige Ausrüstung war notwendig? Tausend Fragen für Moses und keine Antworten!

Eine Planung der Reise-Route war nicht möglich. Gott wollte sie leiten. Punkt! Moses musste einem unsichtbaren Gott vertrauen, der sich damit identifizierte, dass er der Gott der Väter war, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Keiner aus dem Volk kannte diesen Gott. Man wusste nur, es gab einen Gott, den ihre Urväter angebetet hatten. So auch Mose, er kannte auch nur das, was von den Vorfahren überliefert worden war. Abraham, Isaak und Jakobs haben IHN als Gott angebetet. Das war der Gott ihrer Väter. Aber wie sein Name sei, wo er lebte, wie man ihn anrufen solle, keine Ahnung.

Moses war nun der Erste, dem sich dieser Gott der Väter plötzlich offenbarte, in der Wüste, während er die Schafe seines Schwiegervaters Jetro hütete. In einem brennenden Dornbusch, der nicht aufhörte zu brennen, wie wenn jemand ständig Brennmaterial nachgelegen würde. Aber da war niemand. Moses hatte das lange beobachtet. Er wurde neugierig. Es war offenkundig, da war irgendetwas anders als sonst. Was hatte das zu bedeuten? Plötzlich hörte er die Stimme Gottes. Mose solle seine Schuhe ausziehen, weil er auf heiligem Land stehe. Er stand doch auf Wüstenboden, wieso heiliges Land? Aber dieser Augenblick, den Moses gerade erlebte, lies ihn erschauern. Er fühlte, er wurde geradezu ergriffen von diesem besonderen Moment: Mitten in der Wüste erlebte er als Mensch eine Offenbarung Gottes. Aus einem unwirtlichen Ort wurde eine heilige Stelle. Was für ein Augenblick.
Bei dieser Begebenheit erhielt Moses von Gott den Auftrag, sein Volk aus der Sklaverei, aus Ägypten zu führen. Moses nahm schließlich diesen Auftrag an, aber erst nach einigen Diskussionen mit Gott. Zunächst lehnte er ab. Verständlich, wenn man bedenkt, was für eine unlösbare Aufgabe Gott Mose übertragen wollte. Aber Moses Gottesfurcht war groß genug, diesen Auftrag schließlich doch anzunehmen.

Sein Volk würde während der Reise ausreichend Wasser und genügend Nahrung haben. Dafür würde er, der Allmächtige, sorgen. Auf IHN sollte sich Mose verlassen.

Wer schon einmal in die Organisation einer großen Kirchenveranstaltung mit eingebunden war, die „nur“ ein paar tausend Besucher für zwei- oder drei Tage besuchten, der kann vielleicht die Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens erahnen, mit einem ganzen Volk, mit hunderttausenden von Menschen, Erwachsenen, Kindern, Greise, Kranken auf so eine lange Reise zu gehen. Verstehen wird er die Aufgabe von Moses trotzdem nicht. Es geht ja nicht um 2-3 Tage, sondern um rund vierzehntausendsechshundert Tage, oder vierzig Jahre.
Die Konflikte waren regelrecht vorprogrammiert.

Hinzu kam, wie erwähnt, dass Moses sowohl den Weg wie auch das fremde Kanaannicht kannte. Er konnte seinen Leuten nicht einfach mal eine Landkarte zeigen, so frei nach dem Motto, „hier überschreiten wir die Grenze oder in jenem Gebiet kommen wir in ein langes schattiges Tal, passieren dort jene Quelle und laufen durch wildreiche Wälder, wo wir unsere Vorräte auffüllen können.“ Aber selbst eine Straßenkarte hätte Moses nicht geholfen, da er nicht einmal wusste, wo das Land liegt, in welches Gott sie führen wollte.
Nein, er hatte keine Ahnung, wo’s langgehen und wo sie ihre neue Heimat finden würden. Er hatte keine Ahnung, wie er hunderttausende von Menschen täglich ernähren und sie mit frischem Wasser versorgen sollte. Er hatte keinen blassen Schimmer, wie sie sich ohne Waffen gegen Feinde verteidigen könnten.
Solch einen Auftrag dennoch anzunehmen, zeugt von einem unvorstellbaren, exorbitanten, unvergleichlichen und einmaligen Vertrauen in Gott!
Was war das für ein Auftrag! - Was gab es gläubige Helden!

Moses kannte den Gott der Väter nur von den Überlieferungen der Vorfahren. Erst ab seinem Erleben in der Wüste, im brennenden Dornbusch, sonst hatte er nie zuvor eine Begegnung mit Gott. Das dabei Erlebte musste ihn jedoch so tief getroffen, so stark beeindruckt haben, dass er bereit war, diese unlösbare Aufgabe zu übernehmen, wenn auch nach Diskussionen. Aber das ist verständlich. Kein Zweiter hätte sich das je vorgenommen, oder wäre bereit gewesen dieses unmögliche Unterfangen zu denken, geschweige dafür zur Verfügung zu stehen.
Was für ein besonderer Mensch muss Moses gewesen sein. Wo nahm der seinen Glauben, sein Vertrauen her? Einfach unfassbar!
Sein »Navi« sollte tagsüber eine Wolkensäule und nachts eine Feuersäule sein. An diesen Zeichen sollte er sich orientieren. Diese Wolken- und Feuersäule war das sichtbare Zeichen einer Leitung von oben, von Gott. Diese Zeichen konnten auch alle anderen aus dem Volk wahrnehmen.

Gleich zu Beginn, kurz nach dem Auszug aus dem Ägyptenland, als die Juden noch in Feierlaune über die erlebte Tötung der ägyptischen Erstgeburt durch Gott waren, deutete sich ein Fiasko an.
Dem Pharao reute es mittlerweile bitter, dass er die Juden hatte ziehen lassen. Er machte sich Vorwürfe. Warum nur hatte er dem Auszug zugestimmt? Den plötzlichen Tod seines erstgeborenen Sohnes konnte er nicht verwinden. Sein Thronfolger, seine ganze Hoffnung, war mit seinem Sohn gestorben. Sein Herz war zu Stein geworden, ohne Gefühle, ohne Leben. Er dachte nur noch an eines: Er hatte etwas Wichtiges zu korrigieren. Diese Sklaven mussten wieder eingefangen werden, zurück in die Knechtschaft. Mit Sicherheit würden sie dieses bisherige, trotz allem Frondienst für Sklaven recht bequeme Dasein, dann nicht mehr führen. Das würde vorbei sein. Sie würden dann erfahren, dass Fronarbeiter überhaupt keine Rechte besitzen und dass man nur an härtester Arbeit und nicht nach einem langen Leben stirbt.
Sein Hass war grenzenlos, seine Motivation, diese Elenden zu jagen, unbeschreiblich. Er würde die Streitwagenmacht selbst anführen, das war er seinem geliebten Sohn schuldig. Seine Rache würde unvorstellbar sein. Moses und sein Bruder Aaron würden wünschen, nie geboren worden zu sein. Ihrer Sippe würde er eine ganz „besondere Aufmerksamkeit“ widmen.
Er ließ schleunigst mobilmachen und raste mit einem ausgesuchten Heer aus Wagengespannen den Israeliten nach.