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Leseprobe

Jahre später planten die Philister abermals einen Krieg gegen die Juden. Apropos Philister: Die Philister waren gleichzeitig mit den Juden ins Land Kanaan gekommen - vor ungefähr dreitausendzweihundert Jahren. Nach einer verlorenen Schlacht gegen die Ägypter hatte sie Pharao Ramses III im Gazastreifen angesiedelt. Dort konnte sie der Pharao leichter kontrollieren. In dieser Region leben sie noch heute. Wir kennen sie heute unter dem Namen Palästinenser!
Dieser Konflikt zwischen den Palästinensern und den Juden dauert damit mehr als dreitausend Jahre! Unglaublich! Allerdings gab es nicht ununterbrochen Konflikte zwischen beiden Völkern, sondern auch sehr lange Epochen eines friedlichen Miteinanders.
Die Philister waren während der Regierungszeit Sauls eine permanente Bedrohung. Es kostete Saul viel Mühe, sie in Schach zu halten. Es ist wie heute, jeder macht dem anderen das Land streitig.

Also, die Philister kamen mit ihrer Streitmacht wieder einmal nordwärts den Gazastreifen hinauf. Sie folgten einer alten Handelsstraße, die Ägypten mit Damaskus und den arabischen Ländern verbindet, schwenkten vor dem Karmel-Gebirge in die Jesreel-Ebene und marschierten Richtung Bet-Shean. Bei der Stadt Schunem, welche auf der nördlichen Seite der Ebene liegt, nahmen sie ihre Stellungen ein.

Die Jesreel-Ebene, in antiker Zeit oft Schauplatz bedeutender Schlachten, hatte eine strategische Signifikanz. Wer diese Ebene kontrollierte, beherrschte den gesamten Handel zwischen Ägypten und dem arabischen Raum.
Früh schon erhielt Saul durch seine Späher Nachricht vom starken Aufmarsch der Philister und ließ auch sofort mobil machen. Bevor die Philister eine strategisch gute Position in der Jesreel-Ebene einnehmen konnten, hatte Saul seine Truppen bereits auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Gilboa-Gebirge platziert. Auf jeden Fall konnte Saul durch diesen geschickten Schachzug die gesamteEbene kontrollieren.

Die Philister lagerten also genau gegenüber, unten in der Ebene, Saul und seine Truppenführer wiederum auf den Hängen des Gebirges und konnten somit alle Bewegungen der Philister überblicken. Trotz dieser strategisch guten Ausgangslage hatte Saul unterschwellig Angst. Er wirkte unruhig, mürrisch und schlecht gelaunt, wobei er ohnehin stets schlechte Laune hatte. Es schien, als ob er über Jahre seine Lebensfreude verloren hatte. Jetzt, vor dieser so existenziellen Schlacht, vermisste er mehr denn je den Beistand Gottes. Aber wie konnte er mit ihm Kontakt aufnehmen? An wen sollte er sich wenden? Samuel der Priester war mittlerweile gestorben. Aber selbst als er noch lebte, sprach er kein Wort mehr mit ihm. Auch nach seinem Tod gab es niemanden mehr, der im Namen Gott mit ihm gesprochen hätte. Zwischen Gott und dem König herrschte Funkstille. Wer nur konnte ihm heute ein Wort, einen Hinweis von Gott überbringen?
Wer hatte noch Zugang zu JAHWE?
Er musste unbedingt einen Fingerzeig von Gott erhalten, ein Zeichen seines Beistandes.
Saul hatte die Priester angewiesen massiv Opfer darzubringen, Gottes Wohlgefallen war an jenem Tag von existenzieller Bedeutung. Die Priester sollten IHN über den Verlauf der Schlacht befragen und ob er seinem Volk zur Seite stehen würde. Die Priester veranstalteten einen exorbitanten Aufwand. Ihre ganze Konzentration galt den Opfern.
Aber es kamen keine Hinweise, nichts was man hätte interpretieren können. Der Himmel schwieg.
In antiker Zeit war es gang und gäbe, nicht nur bei den Israeliten, den Göttern zu opfern, um ihr Wohlwollen auf sich zu ziehen und sie gleichzeitig zu befragen, ob man eine Schlacht beginnen sollte und ob man sich ihres Beistands sicher sein konnte.
Bei den Israeliten gab es dafür ein präzises Ritual: Der Priester trug einen sogenannten Efod, einen kurzen Priesterschurz, der durch zwei Hosenträger gehalten wurde. Dieser Schurz hatte zwei Taschen, in denen je zwei Lose, Urim und Tummim, Licht und Recht, steckten. Lose, mit denen man eine positive oder negative göttliche Antwort auf eine konkrete Frage erhielt. In der Regel war dieser Priesterschurz an jedem bedeutenden Heiligtum hinterlegt, so dass der jeweilige Priester vor Ort diesen Schurz nutzen konnte. Aber auch diese Möglichkeit gab heute nichts her. Keine Hinweise, keine Antworten Gottes. In Saul brannte es. Was sollte er tun? Er musste seine Nervosität unterdrücken, sonst könnten es seine Hauptleute und Soldaten noch bemerken.

Was macht ein Mensch nicht alles, wenn er in Not gerät. Saul kam sogar der Gedanke, zu einer Wahrsagerin zu gehen, zu einer ganz besonderen, anerkannten, die in solchen Dingen Erfahrung vorweisen konnte, die vielleicht sogar über eine Verbindung zur Schoel, zur unteren Schattenwelt (Totenreich) verfügte. Sie müsste versuchen, mit dem Geist SamuelsKontakt aufzunehmen. Ihn musste er sprechen, Samuel, den ehemaligen „Mund Gottes“.

Er schöpfte eine letzte Hoffnung.

Aber gab es überhaupt noch solch besonderen Menschen, die verlässlich Zugang zur Schoel hatten? Offiziell gab es ja seit seinem Amtsantritt im Lande keine Zauberer und Wahrsager mehr. Er hatte wegen Gottes Gebot entsprechende Handlungen verboten und viele solcher Personen umbringen lassen. Die Wahrsager galten offiziell als ausgerottet. Er erinnerte sich auch an die Gründe, die ihn damals dazu veranlasst hatten, so drastisch durchzugreifen. Wahrsagerei und Zauberei waren Kulthandlungen der heidnischen Völker. Nach dem Gesetz Moses sollten sich die Israeliten in ihren Anliegen nicht an irgendwelche fremde Götter oder Geister wenden, sondern an ihren Gott, ihn sollten sie konsultieren.

Aber auf welche Weise sollten sie das tun?

Nicht über ein Medium, wie das die Heiden versuchten. Das Volk sollte sich an die Priester wenden. Über sie wollte Gott mit seinem Volk kommunizieren.

Mit seiner Berufung zum König hatte Saul verständlicherweise Gott gegenüber eine tiefe Dankbarkeit empfunden. Dies zeigte er auch damit, dass Abgötterei, Wahrsagerei, Totenbeschwörungen sowie Opferriten für heidnische Götter nicht mehr praktiziert werden durften. All dies wurde strengstens verboten und mit der Todesstrafe belegt.
Diese neue Situation, dass sich das Volk generell nur an die Priester wenden durfte, schaffte manchmal aber Probleme anderer Art. Die Priester besaßen faktisch ein Monopol auf Gott. Wer von Gott etwas wollte, musste zum Priester. Dadurch erhielten die Priester Macht und Einfluss. Nicht jeder von ihnen konnte damit umgehen, sondern missbrauchte seine Stellung. Man denke z. B. nur an die Söhne der Priesters Eli (1Sam2,12ff). Sie waren korrupt und gottlos. Sie missbrauchten ihre Stellung für eigene Vorteile und brachten die Sache Gottes in Verruf. Klar, nicht alle Priester waren korrupt, aber das Vertrauen des Volkes in die Priesterschaft wurde durch diese wenigen schwer beschädigt.
Was musste logischerweise passieren?
Man suchte sich mit der Zeit andere Möglichkeiten, an den Priestern vorbei. Die Israeliten fingen an, sich wie die Völker ringsum zu verhalten. Sie öffneten sich für heidnische Bräuche und Riten, so auch für Geister- und Totenbeschwörungen, bis diese sich fest in Israel einbürgerten. Man ging nicht mehr zu den Priestern, sondern suchte sich selbst ein Medium. Das muss für solche Personen äußerst einträglich gewesen sein.
Ein klassisches Beispiel dafür, wohin das Fehlverhalten Geistlicher führen kann: Das Volk wendet sich von der Institution Kirche ab, weil es einzelne Personen ablehnt. Die Verantwortung von Klerikern kann heute gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Aber zurück zu König Saul: Offiziell gab es diese heidnischen Bräuche in seinem Reich ja nicht mehr, aber gab es sie noch heimlich, im Verborgenen? Diese Hoffnung keimte nun auf. Praktizierten eventuell doch noch Einzelne dieses verbotene Gewerbe? Was hatte er sonst für eine Alternative?
Sein Bauchgefühl signalisierte ihm permanent, dass diese Schlacht sein Ende bedeuten könnte. Er fühlte, der Ausgang der Schlacht könnte anders als gewünscht ausgehen. Was für eine Unruhe verspürte er in sich. Sein Bauch, sein Unterbewusstsein ließen ihn Schlimmes erwarten. Drohte seine Lebensuhr wirklich abzulaufen? Und das ausführende Werkzeug sollten ausgerechnet die verhassten Philister sein, die Erbfeinde seines Volkes! Das wollte er nicht akzeptieren. Das durfte niemals sein, dass die größten Feinde Israels, dem von Gott gesalbten König, ein Ende bereiteten.
Wenn er doch nur eine Antwort von Gott erhielte. Würde Gott nochmals helfen und seinem Volk den Sieg schenken?
Abner, sein Vetter und oberster Hauptmann, auf den er sich in jeder Schlacht hatte verlassen können, stand plötzlich neben ihm. Beide waren durch absolut innige und vertrauensvolle Bande miteinander verbunden. Ihm wollte er sich nun anvertrauen.

„Such mir jemanden, der die Toten befragen kann, irgendeine Person, die Zugang zum Scheol besitzt!“
– Stille –
Abner schaute ungläubig auf seinen König. Hatte er das eben richtig verstanden?

»Wen soll ich suchen?“

„Praktizieren im Lande verborgen noch Totenbeschwörer, die die Verstorbenen zurate ziehen können, kennst du irgendjemanden?“

„Wie meinst du das?“
„Ich muss mit Samuel sprechen.

„Was, du willst den im Scheol weilenden Samuel durch eine Totenbeschwörerin rufen lassen?“
„Eine andere Wahl habe ich nicht. Keiner unserer Priester bekommt von Gott eine Antwort. Ich verfüge nur über diese letzte Möglichkeit!
Kennst du jemanden?“
Und tatsächlich, Abner kannte eine Frau aus En Dor, die die Toten rufen konnte. Saul stimmte zu, was hatte er für eine Wahl. En Dor liegt ungefähr eine Nacht- und Tagesreise nördlich von ihnen, hinter dem gegenüberliegenden Schunem. Dorthin zu gelangen, das müsste zeitlich zu schaffen sein. Sauls Sohn Jonathan sollte ebenfalls mitkommen.