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Vermutlich am berühmtesten ist Simson, der von Gott mit einer besonderen Gabe ausgestattet wurde: Er hatte eine übernatürliche Kraft und war nicht zu besiegen, der Traum eines jeden Kindes. Das Geheimnis seiner Stärke waren seine Haare, die nicht geschnitten werden durften. Wegen seiner Unüberwindbarkeit wurde er für die Philister zur Plage. Er demütigte sie, wann immer er wollte. Die Philister ahnten natürlich, dass es mit Simsons Kraft eine besondere Bewandtnis haben, dass dahinter ein Mysterium stehen musste. Sie vermuteten folgerichtig, dass, wenn man dieses Geheimnis lüften könnte, es möglich wäre, Simson zu schwächen und ihn wie einen normalen Menschen zu besiegen. Das lag auf der Hand, das mussten sie herausfinden. Die Plage musste endlich aufhören. Was liegt näher, als dazu eine Frau zu benutzen. Er war ja nicht mehr verheiratet und war weiterhin offen für eine neue Beziehung. Die Philister waren sich deshalb so sicher, weil auch bekannt war, dass er zu Frauen ging und dafür bezahlte. Bei der letzten Affäre hatten sie bereits versucht, ihn zu überwältigen. Aber die, die dies gewagt hatten, mussten es bitter mit dem Tod bezahlen. Nun warteten sie darauf, dass Simson eine neue Beziehung anfing.

Eines Tages war es soweit. Delila, eine Dame aus dem Tal Sorek, war es, in die sich Simson verliebte. Die Fürsten der Philister bekamen natürlich schnell davon Wind. Ihr Erzfeind, der Unbezwingbare, hatte sich in eine wunderschöne Signora verguckt. Was lag näher, als sie zu besuchen? Mit Geld konnte schon so manches Problem gelöst werden, mit viel Geld war praktisch alles möglich.

Also, fünf Philister-Fürsten statteten Delila einen »lieben« Besuch ab. Sie ließen vor allem Silbermünzen sprechen: Fünftausendfünf-hundert Silberstücke versprachen sie ihr, falls sie ihren Liebsten verraten würde! Eine unvorstellbare Summe, wenn man bedenkt, dass der Preis für einen Sklaven bei dreißig, und der stolze Preis für eine Braut bei fünfzig Silberstücken lag. Delila würde durch einen solchen Verrat unermesslich reich werden. Sie hätte für immer ausgesorgt, ihr Leben lang.

Welche Perspektive öffnete sich ihr plötzlich! Stand sie an einer glücklichen Wende ihres Lebens?

War es Simson wirklich wert, auf diesen Reichtum zu verzichten? Bedeutete diese hohe Summe nicht ihre totale Unabhängigkeit? Nie wieder würde sie einen Mann brauchen, damit der ihr den Lebensunterhalt sichert, nie wieder müsste sie sich dafür einem Mann unterwerfen. War es nicht verkraftbar, ihn um dieser Perspektive willen zu verlieren? Es gab doch noch andere schöne und kräftige Männer, die sie begehrten. Andererseits hatte sie bis heute keinen Helden wie ihn gekannt. Äußerst attraktiv, stärker wie ein Bär, er konnte sie immer beschützen. In seiner Gegenwart gab es keine Angst, nie eine Gefahr. So einen würde sie nie mehr finden, das war ihr klar. Sie musste sich auch eingestehen, dass sie ihn liebte.

Der seelische Druck nahm zu. Er machte ihr zu schaffen. Sie befand sich in ihrer schwierigsten Lebenslage.

Wie hoch ist eigentlich der Wert der Liebe? –

Gibt es dafür einen Preis?

Haben Menschen in einer Paarbeziehung nicht schon für bedeutend weniger ihren Partner bzw. ihre Partnerin verraten? Gäbe es eventuell sogar bei dir eine Situation, eine bestimmte Preissumme, bei der du deine Gattin verraten würdest? Das ist eine Frage, die mir bisher zum Glück noch nie gestellt wurde! Delila entschied sich für den Reichtum, für ihre Unabhängigkeit. Der Preis war die Liebe Simsons. Die würde sie verlieren. Aber diesen Preis war sie bereit zu bezahlen. Da war sie sich nun sicher. Sie durfte jetzt keine Gefühle mehr an sich heranlassen. Sie musste lernen sie zu beherrschen. Nur noch die reiche Entlohnung durfte im Vordergrund stehen. Für Gefühle durfte es keinen Platz mehr geben. Ab sofort wurde Theater gespielt. Ihr Herz gehörte nicht mehr ihm. Sie kapselte sich ab. Sie fing an über seinen Charakter, über seine Fehler nachzudenken. Wie konnte sie die bisher überhaupt übersehen haben! Wenn er schlechte Laune hatte, konnte er sie sehr verletzen. Und er hatte oft schlechte Laune. Wie oft hatte er sie gedemütigt mit seiner ätzenden Überheblichkeit. In solchen Augenblicken konnte sie ihn nur noch weinend verlassen. Es war unmöglich seine Tiraden länger auszuhalten. Wie hatte sie sich nur auf ihn einlassen können. War sie von seiner Kraft dermaßen geblendet, dass sie dies übersehen konnte? Nun wollte sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

Wie leicht es ihr auf einem fiel, sich auszumalen, wie ein Leben mit einem Geldschatz von fünftausendfünfhundert Silberstücken ver-laufen, wie ihr Leben in eine andere Bahn kommen würde. Mit teuren Kleidern konnte man schon immer Eindruck schinden. Auch in ihrem Volk war dies nicht anders. Man würde sie für etwas Besonderes halten, für eine erfolgreiche Frau. Sie würde Einfluss erhalten. Auf ihre Stimme, auf ihre Meinung, würde man achten. Kein Mann würde sie jemals wieder demütigen. Sie wäre unabhängig. Sie wusste, so ein Leben würde zu ihr passen. Sie musste es unbedingt schaffen, Simsons Geheimnis zu lüften. Diese Chance würde sie nie wieder in ihrem Leben erhalten, das war ihr sonnenklar.

Immer wenn sie mit ihrem »Liebsten« nun zusammen war, ging es nur noch um sein Geheimnis. Es war das Dauergesprächsthema. Sie setzte sämtliche weiblichen Waffen ein. Simson wollte es jedoch nicht preisgeben. Noch war er beherrscht genug. Aber Delila entwickelte einen Ehrgeiz wie noch nie zuvor. Die Riesensumme war einfach zu verlockend. Sie änderte ihre Taktik. Sie machte auf »Du liebst mich nicht mehr« und schmollte Simson etwas vor. Die Bekanntgabe seines Geheimnisses sollte der Beweis seiner wahrhaftigen Liebe zu ihr sein. Diesen Beweis forderte sie von ihm. Das konnte er nicht länger ignorieren. Die Beziehung mit ihr wurde anstrengender. Was sollte er tun? In den besonders intimen Augenblicken klagte sie, dass nur sie ihn liebe, er aber nicht sie. Aber das stimmte doch gar nicht. Er liebte sie wie keinen anderen Menschen. Er wollte nie mehr ohne sie leben. Er wäre sogar bereit gewesen, sein Leben für sie aufs Spiel zu setzen. Warum glaubte sie ihm nicht!

Oh, ewiger Betrug!