Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Leseprobe

Unvorstellbar, was durch Jesu Wirken alles in Kapernaum geschah, was für eine Wichtigkeit dieser Ort besaß, wenn man sich vergegenwärtigt, dass bei Jesus nichts „rein zufällig“ geschah, sondern alles einen tiefen Sinn hatte:

Bei einem seiner späteren Besuche in der Synagoge in Kapernaum, bei dem er, wie er es gewohnt war, das Wort ergriff, verkündete er plötzlich eine ungeheuerliche, völlig gesetzeswidrige, ketzerische Lehre.

Was war das für eine neue Lehre?

In den Evangelien wird davon einzig im Johannesevangelium berichtet, und dort auch nur im 6. Kapitel. Nirgendwo sonst finden sich Hinweise auf diese radikale Lehraussage. Kein anderer Chronist schreibt darüber. Von allen Lehraussagen Jesu bildete dieser Lehrsatz wohl den größten Gegensatz zu dem bisher bekannten Gesetz Mose.
Seine diesbezügliche Verkündigung musste wie ein Sprengsatz gewirkt haben. Seine jüdischen Zuhörer, selbst seine engsten Jünger, die Zwölf, verstanden die Welt nicht mehr. Die meisten ärgerten sich dermaßen, dass sie ihn verließen.

Was lehrte Jesus konkret?

„Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies (ich) ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.“
Da stritten die Juden untereinander und sagten:
„Wie kann der uns sein Fleisch zu essen geben?“
Jesus sprach zu ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch.
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.
Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.“(Joh6, 51-59)

Diese »neue Lehre« war für jüdische Ohren eine so gewaltige Ketzerei gegen das mosaische Gesetz, die selbst Laien kapierten. Menschenfleisch zu essen und Menschenblut zu trinken, war für einen Juden schlimmste Freveltaten.
Und Jesus war doch Jude! Er war doch Rabbi! Wie konnte er so entgleisen?
War er vielleicht doch Satan, oder einer von seinen Engeln, wie manche schon lange vermuteten? Es war ihnen doch bei Todesstrafe verboten Menschenfleisch zu essen und Menschenblut zu trinken, nicht einmal das Blut von Tieren. Die Begründung, die jedes Kind in Israel kannte, lautete: „Weil im Blut das Leben ist!“(1Mos9,4; 5Mos2,16)
Und jetzt kommt einer, der ein Prophet, ein Heiliger sein will, und predigt diese Häresie.
Nicht nur die fremden Zuhörer hatten damit ein Problem, sondern auch seine Jünger. Die meisten verließen ihn daraufhin. Nur noch die Zwölf waren da. Obwohl seine Anhängerschaft bedeutend kleiner wurde, blieb Jesus gelassen. Er hatte bereits vorher gewusst, wie seine Aussage, seine neue Lehre, in jüdischen Ohren klingen und was sie bei den Adressaten bewirken musste.
Er konfrontierte sie mit einem regelrechten Kracher, mit einer religiösen „Atombombe“. Ohne Vorwarnung, ohne Erklärung, ohne Interpretationsversuche, einfach so, gerade heraus.

Die Koordinaten sämtlicher Zuhörer stimmten nach diesem Einschlag bei niemandem mehr.

Jesus wusste, dass durch die Art und Weise, wie er diese Lehraussage vortrug, seine mittlerweile auf eine beachtliche Anzahl angewachsene Jüngerschar, sich erheblich dezimieren würde.
Die Zwölf taumelten ebenfalls. Ihr ganzes Vertrauen, ihr komplettes Glaubensgebäude hatte ein Beben von der Stärke zwölf auf der Richterskala zu überstehen. Jesus machte auch keinerlei Anstalten, sie zu halten, oder ihnen Erläuterungen oder Erklärungen zu geben. Im Gegenteil, er fragte sie herausfordernd, ob sie nicht auch gehen wollten!

Was für ein spannender Augenblick! Jesus zeigte seine völlige Unabhängigkeit. Dieser Moment sollte eine exorbitante Prüfung für die Jünger darstellen, eine Prüfung, ob sie ihm vertrauen, das heißt, ob sie einer neuen Lehre vertrauen, die, so schien es, komplett im Widerspruch zu den Mosaischen Gesetzen stand. Und diese Gesetze waren doch heilig! Noch nie wurden Jesu Jünger derart geprüft.

Was sollten sie jetzt tun? Alle Argumente sprachen dafür, ihn zu verlassen. Konnten sie bei jemandem bleiben, der gegen die heiligen Gesetze Gottes lehrte, der nun dafür bekannt war? Was würden ihre Familien, ihre Bekannten, ihre Nachbarn von ihnen denken, wenn sie sich weiter mit ihm blicken ließen? Es brannte in ihren Herzen. Sollten sie sich weiterhin öffentlich zu IHM bekennen? Der Druck war enorm.
Andererseits war er eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Was hatten sie schon alles mit ihm erlebt. Oder entsprang alles, was sie bisher mit ihm erlebt hatten, einer Sinnestäuschung? Die Wunder, die Krankenheilungen, die Brotvermehrung, die Macht über Sturm und Wetter? Die kraftvollen Predigten, seine Wahrhaftigkeit, seine Nähe zu Gott? Waren das allesamt nur Imaginationen, Einbildungen?
Nein, das konnte nicht sein.
Es schien, dass niemand mehr fähig war, ein Wort zu sprechen.
Die Pause wirkte wie eine Ewigkeit
Petrus fasste sich dann aber ein Herz: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Joh6, 68-69)

Jetzt war es heraus, das hatten sie erkannt, trotz dieses Widerspruches seiner Aussage mit dem Gesetz Moses. An dieses Wissen klammerten sie sich jetzt in jenen Augenblicken, das war für sie unstrittig. Von seiner göttlichen Sendung waren sie trotz aller Widersprüchlichkeiten weiter überzeugt.
Sie wollten bei IHM bleiben. Er sollte ihr Meister bleiben.

Bei dieser Begebenheit muss man zudem bedenken, dass in der Synagoge nur Juden als Zuhörer waren. Hätte Jesus diese Rede vor hellenistisch geprägten Heiden gehalten, wäre es nie zu dieser Erregtheit geschweige denn Aggression gekommen.

Die bis dahin hunderte von Jahren währende hellenistische Kultur im Mittelmeerraum hatte auf das Denken aller Heiden Einfluss. Für die Griechen mit ihrer Mythologie gab es da weniger Probleme. Das getrunkene Blut eines geschlachteten Schafes hatte im Hades den dort weilenden Seelen Leben verschafft. Blut zu trinken war für Heiden keine Todsünde, sondern Teil ihrer Mythologie.

Jahrhunderte vor dem Auftreten Christi erwähnte bereits Homer (8. Jh. v. Chr.), in seinem Epos der Odyssee im 11. Gesang, folgende interessante Begebenheit:
„Seelen Toter tranken von dem Blut eines geschlachteten Schafes und wurden dadurch zum Leben erweckt.“ Da vermutlich nicht jeder den 11. Gesang der Odysseeim Gedächtnis hat, hier kurz die Geschichte:
Odysseus nach einer langen Abwesenheit, bedingt durch den Trojanischen Krieg, war auf dem Heimweg. Er wollte unbedingt erfahren, ob seine Eltern, sein Sohn und vor allem seine Frau Penèlopènoch am Leben waren. Auch hatte er die quälende Sorge, ob er die Rückreise mit den vielen Gefahren schaffen würde. Die Göttin Kirke, von manchen Zirzegenannt, gab ihm den Rat sich mit seinen Fragen an den Seher Teiresiaszu wenden. Das Problem dabei war, dass dieser nicht mehr lebte. Wie sollte er einen Toten befragen?

Homer hat das äußerst interessant beschrieben. Der Hades, das Totenreich, war die „Insel ohne Wiederkehr“ und Odysseus konnte mit seinem Schiff dorthin gelangen. Aber er hatte Angst davor, da bisher noch nie einer von dort zurückgekommen war. DochKirke ermutigte ihn sinngemäß: „Setz ruhig dein Segel, der Nordwind wird euch zu Persephones Hain treiben, wo sich der Eingang zur Unterwelt befindet." Auch rät sie dem Helden, am Eingang zur Unterwelt zwei Schafe zu schlachten und den Göttern zu opfern. Das Blut sollte er unter allen Umständen auffangen. Dieses brauchte er für Teiresias, der davon trinken musste um zum Leben zu erwachen. Denn nur wenn Teiresias davon trank, wäre er, Odysseus, in der Lage mit ihm zu sprechen.

Odysseus überwand schließlich seine Furcht und segelte mit seiner Mannschaft in das Gebiet der „nächtlichen Kimmerier“, wo der Weltstrom Okeanos ins Meer fließt. So wie ihm geraten wurde, brachten er und seine Gefährten vor den Toren des Hades das Opfer, in dem sie die beiden Schafe schlachteten und verbrannten. Das Blut hatte Odysseus zuvor aufgefangen. Und das Unglaubliche geschah: Nach einer kurzen Weile kam Teiresias, aber nicht allein. Viele bereits Verstorbene begleiteten ihn. Was für eine aufregende Situation. Eine dunkle, stumme und bedrohliche Masse von Verstorbenen. Odysseus wurde unsicher. Er griff zum Schwert. Von denen die vorne standen, erkannte er jetzt einige. Es waren seine alten Kampfgefährten Agamemnon, Achill und Patroklos, Ajas und, weit hinten der unglückliche Sisiphos und der unglückliche Tantalos. Angesichts der vielen bemitleidenswerten Toten, die wie graue, apathische Gestalten aussahen, packte ihn das Grauen. Alle wollten von dem Blut trinken. Odysseus wurde unsicher und zog nun das Schwert. Sofort wichen die Gestalten zurück und warteten ab.

Plötzlich sah Odysseus sogar seine Mutter. Was macht sie denn hier? Er war geschockt, wusste er doch nichts von ihrem Tod. Eine tiefe Traurigkeit überkam ihn. Auch sie wollte von dem Blut trinken. Eine qualvolleSituation, was sollte er denn machen? Er brauchte doch das Blut für den Seher, der ihm helfen sollte, nach Hause zu kommen. Schweren Herzenswinkte er Teiresias zu sich. Er brauchte unbedingt seine Informationen.

Teiresias nahm bereitwillig die Schale mit dem Blut und kostete davon. Zum Glück nur wenig. Hätte er alles leer getrunken, hätte er für seine Mutter nichts mehr gehabt.Augenblicklich war Teiresias nicht mehr zu erkennen. Wie zu seinen Lebzeiten stand er da, voller Lebenskraft, mit einer ungemeinen Ausstrahlung, wie in seinen besten Tagen. Auch hatte er seine Sprache wieder erlangt, er konnte sprechen, er war jetzt in der Lage, alle Fragen Odysseus‘ zu beantworten, so wie zu seinen besten Zeiten, als er noch auf der Erde lebte.

Als Teiresias gegangen war, winkte Odysseus sofort seine Mutter zu sich, die ebenfalls die Schale zu sich nahm und von dem Blut trank. Auch sie verlor sofort ihre graue und apathische Haltung und erwachte zu blühendem Leben. Sie war immer noch schön, an was für einer Krankheit musste sie nur so früh sterben? Auch sie konnte nun sprechen und mit ihrem Sohn über so manches reden, vor allem darüber, warum sie so früh verstorben war. Nach dieser tief gehenden und bewegenden Begegnung mit seiner Mutter bot Odysseus das übrige Blut seinen ehemaligen Kampfgefährten an. Wie sehr bedauerte er es, dass sie, diese Helden, die mit ihm in Troja gekämpft hatten dort ihren heldenhaften Tod fanden und hier im Hades ihr Dasein fristen mussten.
Soweit dieser Exkurs. Homer hat mit dieser Geschichte, der Reise in das Totenreich, auch einen Spiegel, eine Reflexion eines aktuellen Volksglaubens in der damaligen hellenistischen Welt festgehalten:
Das Blut der geopferten Schafe bewirkte, dass Tote zum Leben erweckt werden! Bei verschiedenen christlichen Kirchen gibt es den Brauch, dass ihre Mitglieder gezielt für Verstorbene beten, damit es ihnen im Totenreich helfen möge. Das tut man deshalb, weil man daran glaubt, dass es drüben ein weiteres SEIN gibt und dort nicht alle Menschen glücklich aufgehoben, sondern sich sogar in seelischer Not befinden könnten. Neben den Fürbitten wird in der Kirche, zu der ich gehöre, jeden Sonntag den Toten das Heilige Abendmahl (Leib und Blut Christi) gespendet. Dies geschieht über zwei hohe Amtsträger, die stellvertretend für die Entschlafenen die Hostien in Empfang nehmen. Die Worte, die dabei manchmal gebraucht werden, lauten: „Auch ihr sollt leben“. Die Verstorbenen sollen durch Jesu Leib und Blut leben, genauso wie die hier Lebenden durch den Empfang von Fleisch und Blut Christi das ewige Leben in sich tragen.

Bei Homer war es das Blut zweier Opferschafe, das den Verstorbenen zum Leben verhilft: Bei Jesus (dem Lamm Gottes) dessen Blut (u. Leib), das uns ewiges Leben schafft.

Ein weiterer interessanter Aspekt dieser Odyssee-Geschichte und Parallele zur späteren Lehre Jesus ist folgender…..